Hintergrund: IP-Umstellung der Telekom

September 4, 2016

Viele Telekom-Kunden erhalten in diesen Tagen Callcenter-Anrufe, in denen ihnen ein "digitaler Anschluss" oder "der Anschluss der Zukunft" angeboten wird. Manchen droht die Telekom gar mit einer Kündigung, wenn sie der Umstellung nicht zustimmen..

 

Um den Hintergrund dieser Umstellung zu verstehen, hier zunächst ein kurzer Abriss Telefongeschichte:

 

Bis in die späten 80er Jahre hatten wir ein Deutschland ein klassiches, analoges Festnetz. In jeder Stadt gab es eine Ortsvermittlung, von der aus in jeden Haushalt eine Telefonleitung führte. Wenn ein Teilnehmer mit einen anderen sprechen wollte, wurden die beiden Leitungen zusammengeschaltet, so dass zwischen dem Telefon des Anrufers und dem des Angerufenem eine durchgehende elektrische Verbindung entstand. Das ganze nennt sich "leitungsvermitteltes Telefonieren".

 

Die erste Digitalisierung fand dann in den Neunzigern statt, mit der Einführung von ISDN. Statt das Sprachsignal einfach als elektrische Spannung zu übertragen, wurde es bei ISDN durch das Telefon in einen digitalen Datenstrom umgewandelt. Obwohl dies mitunter zu einer deutlichen Steigerung der Sprachqualität führte und ISDN viele zusätzliche Komfortmerkmale mitbrachte, blieb es bei dem grundsätzlichen Prinzip: auf der Telefonleitung laufen hauptsächlich Telefonsignale.

 

Mit der Einführung von DSL um die Jahrtausendwende änderte sich das. Da Sprachsignale nur einen geringen Teil der Übertragungskapazität einer Kupferleitung in Anspruch nehmen, wurde ein großer Frequenzbereich im Telefonkabel ausschließlich für die neuen Datensignale reserviert. Eine Frequenzweiche, der sogenannte Splitter, sorgte dafür, dass sich der Telefon-Teil und der Internet-Teil der Leitung nicht ins Gehege kamen. Fortan betrieb die Telekom faktisch zwei Netze: das althergebrachte Telefonnetz und das neue Datennetz nach dem sogenannten IP-Standard (Internet Protocol).

 

Mittlerweile, im Jahr 2016, sind die geforderten und genutzten Datenübertragungsraten förmlich explodiert. 16 MBit pro Sekunde sind fast schon das mindeste, was man überhaupt angeboten bekommt, 50 bis 100 MBit sind eher Mainstream, und die Angebote mancher Kabel- und Glasfaseranbieter gehen bis zu 400 MBit oder sogar 1 GBit pro Sekunde.

 

Diese Geschwindigkeiten sind in der Fläche über ein Kupferkabel nicht mehr zu realisieren. Daher findet in Deutschland derzeit ein massiver Glasfaserausbau statt. Auch bei der Telekom werden die Strecken von der Ortsvermittlung bis zum Verteiler in der Straße mittlerweile mit Glasfaser realisiert. Von dort geht es dann meist mit Kupfer weiter, weil es einen enormen Aufwand bedeuten würde, die Glasfaser in jedes einzelne Haus hineinzulegen. Diese Ausbauvariante nennt man FTTC, "Fibre to the curb", also Glasfaser bis zur Straßenecke.

 

Jetzt gibt es für die klassischen Telefon- oder ISDN-Signale nur zwei Probleme: zum einen kann man sie über Glasfasern nicht übertragen, weil diese nicht elektrisch leitend sind. Und zum anderen funktioniert FTTC am besten, wenn in einem Kupferkabelbündel nur DSL-Signage laufen, die aufeinander abgestimmt sind ("Vectoring").

 

Was tut man also sinnvollerweise? Man konvertiert die Telefonsignale in Datenpakete und überträgt sie einfach zusammen mit dem restlichen Datenverkehr. Und das nennt sich dann IP-Telefonie oder "paketvermitteltes Telefonieren". Dabei wird also zwischen den beiden Gesprächspartnern keine "Leitung" aufgebaut, sondern Informations-Bruchstückchen hin und her geschickt. Solange der Anbieter dafür sorgt, dass die Sprachpakete mit Priorität behandelt werden (die Telekom tut es) und die Datenleitung stabil funktioniert, ist die Qualität mindestens gleich gut oder sogar besser als beim bisherigen leitungsvermittelten Telefonieren.

 

Die gängigen Router sind mittlerweile so konzipiert, dass sie auf Seiten des Benutzers die gesamte Hintergrundarbeit erledigen (Registrierung der Telefonnummer, Rufnummernzuordnung, Anschlussmöglichkeit des Telefons). Bei der Umstellung kommt der vorhandene Splitter weg und der Router wird direkt in die Telefondose gesteckt. Als Telekom-Kunde muss man meist nur das vorhandene Telefon in die TAE-Buchse hinten am Router stecken und dafür sorgen, dass die richtige Rufnummer auf der richtigen Buchse klingelt.

 

Telekom-IP-Anschlüsse haben übrigens mindestens drei Rufnummern (die Nummern vom vorhandenen Anschluss werden mitgenommen) und weisen diverse Zusatzmerkmale auf, die man sonst nur von ISDN kennt. Dabei ist der IP-Anschluss aber meist deutlich günstiger.

 

Wenn man also über eine stabile Internetleitung verfügt, gibt es keinen Grund, sich nicht umstellen zu lassen. Wenn nur ein älterer Router vorhanden ist, kann allerdings eine Neuanschaffung fällig werden.

 

Heute, im Spätsommer 2016, sind bereits um die 50% der Telefonanschlüsse in Deutschland umgestellt.

 

 

 

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